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Re: SM und der Nachwuchs

geschrieben von nachtschatten  am 01.09.2011 um 22:56:51 - als Antwort auf: Re: SM und der Nachwuchs von ReZoX
Hallo,

ich habe jetzt wieder mal ein ganz ungutes Gefühl, diesen Text wirklich abzuschicken, weil er mal wieder recht lang geworden ist, und weil meine Gedanken wohl auch wieder arg theoretisch sind und vielleicht auch schwer nachzuvollziehen.
Aber ich habe jetzt zwei Stunden daran getippt und will das auch nicht unbedingt alles einfach wieder löschen. Also wer das zu nervig findet, kann ja woanders weiterlesen, darum denke ich, dass ich ja keinem weh tue.



ReZoX schrieb:


„...Ich bin der Überzeugung, dass Erwachsene wie auch Jugendliche ein Recht auf einen Intimbereich haben. Das widerspricht jetzt vielleicht dem herrschende Zeitgeist, dem zu Folge jeder jederzeit mit jedem über alles reden dürfe.“


Dürfen heisst nicht müssen!

Abgesehen davon stimme ich hier voll und ganz zu.

Ein „Wissenstabu“ in Frage zu stellen heisst nicht, Intimität in Frage zu stellen. Ich habe die Diskussion hier auch so verstanden, dass es darum geht, wie man reagiert, wenn die Kinder von sich aus fragen. Und ich bin der Meinung, dass das so gut wie alle Kinder irgendwie tun.

Ganz klar ist es für  Kinder auch schon sehr früh wichtig, sich von den Eltern abzunabeln und zu distanzieren. „Kinder zum Komplizen oder Kumpel machen“ ist eine ganz gute Formulierung für etwas, das ich auch für gefährlich halte.

Ich habe meine letzte Argumentation aber auch an gesellschaftlichen Verhältnissen aufgezogen, und da will ich jetzt auch nochmal hin:

Unsere Kultur ist traditionell so aufgebaut, dass ein Kind für gewöhnlich in der monogamen Mann-Frau Beziehung seiner Eltern und mit seinen direkten Geschwistern aufwächst. Daneben gibt es bestimmte Institutionen, die das Kind besucht, und die ihm neben den Eltern eine gewisse ideelle Prägung vermitteln sollen.

Diese beiden Einrichtungen sind im Wesentlichen die Institutionen, die das Kind auf seinem Weg zum Erwachsenwerden begleiten sollen. Nun ist ja wohl allen klar, dass die staatlichen (oder privaten) Institutionen wie Schulen oder Kindergärten das Thema Sexualität in Relation zu seiner Bedeutung für den jungen Menschen geradezu schändlich vernachlässigen, wenn nicht sogar immer noch oft tabuisieren. (Man lernt vielleicht im Bio-Unterricht mal was über Fortpflanzung und kriegt ansonst erzählt, dass man aufpassen soll, mit wem man sich einlässt)

Das heisst, die Frage der wirklichen sexuellen Aufklärung des Kindes wird imWesentlichen stillschweigend den Eltern überlassen. Und hier ist das Ganze, wie wir sehen, aus verschiedenen Gründen ja ebenfalls ein heikles Thema. Ich denke, gerade weil innerhalb der bürgerlichen Einzelfamilie wenig Raum für Intimität der einzelnen Mitglieder ist, wird es zu einer zwingenden Notwendigkeit, das Thema Sexualität so flach wie möglich zu halten. (Selbstverständlich kann sexuelle Aufklärung eben nicht so aussehen, dass Eltern den Kindern genau beschreiben, was sie da machen!)

Das, was wir dann heute unter der „sexuellen Revolution“ verstehen bedeutet für Jugendliche in erster Linie mal, dass sie recht früh einen nie dagewesenen Zugang zu Pornografie haben. Denn „sexuelle Revolution“ wurde vor allem das, was man eine höhere Tolerierung von Sexualität in allen Belangen des Konsums nennen könnte. (Den eigentlichen Sexualrevolutionären des frühen 20. Jahrhunderts ging es ganz betimmt auch nicht darum, dass es jeder mit jedem treiben dürfen soll, sondern um ein anderes Verhältnis zum Körper, zu seiner persönlichen Sexualität und der Pädagogik)

Man mag mir nun vorhalten: „Aber es gibt Foren wie dieses, es gibt Sendungen im Fernsehen, es gibt Zeitschriften etc..“ Ja! Aber wir reden hier von Jugendlichen, die nach wie vor wenig offiziell tolerierten Zugang zu diesen Inhalten haben! (Bravo = wieder Konsum und Popkultur-Vermarktung, wenn auch durch die Aufklärungsseiten ein erster Schritt für ältere Jugendliche) Wir reden hier von Kindern, die mit der Pubertät nach wie vor ins kalte Wasser geworfen werden! Und selbst wenn ich in diesem oder anderen Foren versuche, meine Erfahrungen recht offen mit anderen zu teilen, dann muss ich doch (was ich ja akzeptiere) aufpassen, wenn ich beginne, über Geschlechtsteile oder ähnliches zu schreiben, denn es ist halt hier kein ab 18 Raum.

Im Grunde bietet unsere Gesellschaft also nach wie vor wenig offiziellen und geschützen Raum für Kinder und Jugendliche, um sich dem Thema Sexualität in der jeweils ihrem Alter angemessenen Stufe „ganz natürlich“ und offen zu widmen.

Natürlich kann man nun sagen, dass die Kinder ja mit ihren Kumpels sich austauschen und gemeinsam auf die Suche gehen, ihre Neugierde zu stillen. Aber wo lernen sie dann etwas über ihren Körper und Sexualität mit all ihren Feinheiten und Rafinessen, die man entdecken muss, wo finden sie die Informationen die über das „Nötigste“ hinausgehen, wenn ihre Kumpels ja in den selben Verhältnissen aufwachsen. Letztlich vor allem in der Pornografie oder den flachen voyeuristischen Angeboten der Mainstream-Medien . Und wenn nicht dort, dann gehören sie womöglich eher zu jenen stark christlich geprägten Jugendlichen, die in der prüden Liebe den einzigen Grund sehen, warum Sexualität überhaupt existiert. Sie haben dann gerade mal gelernt, dass „das da irgendwie da rein muss“. Diese werden sich dann sicher auch erst mal völlig enttäuscht wiederfinden nach den ersten beschämten Versuchen und womöglich ohnehin immer einen tief sitzenden Hass gegen ihre Lust empfinden, der alles nur komplizierter macht.

Eltern müssen die ganze Last dieser zutiefst traditionell verankerten gesellschaftlichen Misere heute großenteils selbst tragen. Ist die Pornoindustrie wirklich der beste Lehrer für die Jugendlichen? Können Eltern die Aufgabe der sexuellen Pädagogik überhaupt alleine stemmen? Wie kann es dann überhaupt geschehen? Wie sieht überhaupt eine „natürliche“ sexuelle Entwicklung eines Kindes aus?

Ich glaube, wir haben dieses Wissen in einer jahrhundertealten Tradition der Peinlichkeit und der Sexualängste einfach verloren. Sexualität wurde in verschiedenen Hochkulturen auf verschiedene Weise instrumentalisiert und ein solches kulturelles Muster ist zutiefst in uns allen verankert.
Im Grunde haben wir in einer Welt voller Mißbrauch, Enttäuschung und Vergewaltigung schlichtweg Angst vor der Lust unserer Kinder, weil wir Angst um unsere Kinder haben!
Und leider zu recht. Und mit der Angst und der damit einhergehenden Unterdrückung und Verzerrung pflanzen wir Enttäuschung, Mißbrauch und Vergewaltigung immer wieder fort.

Ich bin ganz im Sinne von ReZoX also nicht der Meinung, dass Enttabuisierung bedeutet, dass man alle Intimität aufgibt. Ich bin lediglich der Meinung, dass unsere Gesellschaft keinen geschützten, enttabuisierten und intimen Bereich für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stellt, in dem sie angemessen mit ihrer Sexualität experimentieren können und einen verantwortungsvollen Umgang mit Lust und Liebe lernen. Ich bin zudem der Meinung, dass die Einzelfamilie diese Aufgabe gar nicht stemmen kann, weil zur sexuellen Entwicklung eines Menschen eben gerade die frühe Distanzierung und Ablösung von den Eltern nötig ist.
Die sexuelle Zwangsmoral, Scham, Lustangst und Körperfeindlichkeit sind nicht in diesem Maße nur ein Produkt der Kirche, wie uns Glauben gemacht wird. Sie gehen in der uns bekannten Dimension historisch gesehen einher mit dem Aufkommen der bürgerlichen Kleinfamilie, die ja an sich auch die Idee der „Kindheit“ wie wir sie kennen erst erfunden hat und etwa ab dem 18.Jahrhundert langsam in den Dienst der gesellschaftlichen „Zurichtung“ der jungen Staatsbürger gestellt wurde.
Die damit verbundenen Problematiken wirken nach, wenn sie nicht schlichtweg noch immer ihre „Aufgabe“ erfüllen. Eine Gesellschaft muss sich ständig neu bestimmen, und ich denke, dass gerade solche Themen wie die Sexualität hier eine wichtige Rolle spielen. Aber eine wirkliche Veränderung findet nicht statt, solange es nur darum geht, dass man sich möglichst immer genüsslicher austoben kann. Das bleibt nämlich ganz im Sinne der momentan vorherrschenden Strukturen. Wir müssen uns auch fragen, für wen diese Gesellschaft gemacht sein soll.

Ich denke, ich kann hier nicht weiter ausholen. Mir ging es darum, ein Gefühl dafür zu schaffen, dass die Probleme, vor denen wir uns sehen auch in einem Zusammenhang mit gesellschaftlichen und kulturellen Normen stehen. Was ich vielleicht damit andeuten möchte ist, dass wir durchaus den Mut haben könnten, diese Normen zu hinterfragen und damit auch den Mut zu ganz anderen Ansätzen für unsere Alltagsfragen finden können.

Ist das zu gewagt? Ich habe die Ehre, hier als Stammposter schreiben zu dürfen, und ich überlege mir wirklich jeden Satz zweimal. Sollte ich dennoch das Forum vor den Kopf stossen (was ich mir nicht wirklich vorstellen kann) dann bin ich für Kritik offen und halte auch auf Wunsch zu diesem Thema gerne die Klappe.

Um die Seriosität meiner Gedanken dennoch zu stützen, möchte ich ein paar Literaturangaben machen. Es handelt sich dabei vor allem um Werke aus den verschiedensten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Keines dieser Werke hat für mich wirklich an Aktualität verloren, man muss vielleicht die eine oder andere Einsicht auf die heutige Zeit übertragen. Manch eines dieser Werke wird wohl vor allem das Publikum eines SM-lastigen Forums nicht ganz ohne Rumoren zurücklassen. Aber ich habe da auch schon begeistertes Feedback von SMlern bekommen, und letztlich bin ich ja auch einer.
Ich finde einfach, wenn es um die Frage der Sexualität der Jugendlichen geht und den pädagogischen Umgang damit, dann kann man das nicht mehr allein mit SM abhandeln, denn wir wollen ja niemanden zu einem SMler erziehen, sondern unseren Kindern eine erfüllende Sexualität als Erwachsene schenken. Und die sollen sie ja eben so ausleben, wie es ihnen gefällt, ganz intim, ohne, dass es uns etwas angeht! Und ohne Scham und Schuldgefühle.

Für interessant zu diesem Thema (Erziehung in Hinblick auf Gesellschaft, Kultur, Sexualität) halte ich:


Margaret Mead:             Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften – Band 1: Kindheit und Jugend in Samoa

Wilhelm Reich:               Die sexuelle Revolution

Wilhelm Reich:               Die Entdeckung des Orgons – Band 1: Die Funktion des Orgasmus

Bronislaw Malinowski:   Geschlecht und Verdrängung in primitiven Kulturen

Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit – Band1: Der Wille zum Wissen

Volkmar Sigusch:           Neosexualitäten – Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion

und, weil er ganz einfach trotz aller Kritik und Fehler derjenige war, der für unsere Kultur die kindliche Sexualität und ihr verheerendes Schicksal wiederentdeckt hat und deshalb nicht ungenannt bleiben sollte:

Siegmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie


Ich gebe zu! Das ist jetzt nichts für Mütter, die gerade zusehen müssen, wie sie mit ihren Teenagern umgehen. Aber vielleicht interessant für alle, die sich darüber hinaus für das Thema interessieren, auf wissenschaftlicher, philosophischer oder politischer Ebene.

Viele Grüsse

nachtschatten
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Ich, Seilchen, distanziere mich hiermit vom Inhalt dieses Beitrags und mache mir diesen in keiner Weise zu eigen. 01.09.2011 22:56
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